Mittwoch, 14. September 2022

Das Café Helfende Hände

Vom Begegnungsort zum Rettungsring für Kriegsgeflüchtete

Dies ist ein Bericht über die Situation von Frauen, Jugendlichen und Kindern in unserer Region, die vor dem Krieg in der Ukraine geflüchtet sind. Dies ist eine Geschichte von ehrenamtlich Engagierten und Mitarbeitenden in den Ämtern, die nicht mehr weiterwissen. Dies ist ein Hilfeschrei an eine Politik, die Betroffene und Engagierte im Regen stehen lässt.

Wenn Kriegsgeflüchtete nicht wissen, wann sie wieder Essen kaufen können

Im Frühjahr 2022 beherbergte die katholische Pfarrei Heilig Kreuz Winnweiler knapp 100 Kriegsgeflüchtete aus der Ukraine. Seitdem öffnet jeden Freitag das „Café Helfende Hände“ im Pfarrheim seine Türen. Zunächst als Begegnungsort zum Austausch, zur Begleitung und Unterstützung gedacht, entwickelt sich das Café mehr und mehr zu einem „Rettungsring“ für Kriegsgeflüchtete (meist Frauen und Minderjährige), die im Antragsdschungel der Behörden untergehen.

Betroffene erhalten oftmals über Wochen oder Monate keinerlei Rückmeldungen, ob und wann ihre Anträge auf Sozialhilfeleistungen bewilligt werden und Geld auf ihr Konto kommt. In den Ämtern stapeln sich unbearbeitete oder nicht bewilligte Anträge. „Teilweise fehlt es am nötigsten Kleingeld für den täglichen Bedarf wie Essenseinkäufe im Supermarkt oder Hygieneartikel.“ erzählt eine der Helferinnen, die sich im Café Helfende Hände engagieren. Die hoch motivierten Ehrenamtlichen sind mittlerweile Profis im Ausfüllen von langen in „Behördendeutsch“ vorliegenden Dokumenten und Anträgen. Gemeinsam mit den Geflüchteten wälzen sie sich durch Papierberge und warten in ihrer „Freizeit“ stundenlang in den telefonischen Warteschleifen der Ämter, um Fragen zu klären und Notsignale zu senden. 

„Hinzu kommt die emotionale Verzweiflung und die große persönliche Not dieser Frauen“ berichtet eine der Ehrenamtlichen „Die meisten von ihnen bangen Tag für Tag um das Leben ihrer Ehemänner, die als Soldaten im Krieg sind.“ Die Ehrenamtlichen hören den Frauen zu, versuchen sie zu trösten und nehmen das Gehörte natürlich mit nach Hause.

Nur zwei Geschichten – von vielen

Mittlerweile liegt Pfarrer Carsten Leinhäuser eine Liste von etwa 20 Frauen und Familien aus der Region vor, deren Sozialhilfeanträge unbearbeitet auf Halde liegen und die nicht wissen, wie es für sie weitergeht. Die Dunkelziffer, so der Pfarrer, könne er nicht abschätzen – er wisse aber aus vertraulichen Quellen, dass sie um ein Vielfaches höher sei. 

Um die Lage zu verdeutlichen, erzählen Ehrenamtliche aus dem Café Helfende Hände hier zwei (von vielen) erlebten Geschichten. 

Ein minderjähriges Mädchen kann nicht zum Arzt

„Wir begleiten ein minderjähriges Mädchen, das ohne Eltern flüchten musste und in einer Wohngemeinschaft lebt. Der Antrag auf Sozialleistung beim Jobcenter wurde im Juni gestellt. In den folgenden Wochen geschah nichts. Anfang August rief ich bei der Hotline des Jobcenters an, um den aktuellen Stand der Bewilligung zu erfragen. Man teilte mir mit, dass der Antrag seit knapp 8 Wochen unbearbeitet daliege. Um weitere Auskünfte zu bekommen, bräuchte ich eine Vollmacht. Mit Hilfe dieser Vollmacht habe ich ab Mitte August alle zwei Tage angerufen und mich nach dem Bescheid erkundigt. Ohne Erfolg. Am 31. August wurde mir dann telefonisch mitgeteilt, dass der Bescheid nun bewilligt sei. Die erste Freude über den Erfolg wurde jedoch schnell enttäuscht. 

Am 01. September erhielt ich einen Anruf, dass es dem Mädchen nicht gut gehe und sie zum Arzt müsse. Also habe ich bei der Krankenkasse angerufen und um einen Abrechnungsschein gebeten (den Sozialhilfeempfangende für Arztbesuche brauchen). Dort wurde mir mitgeteilt, dass noch keine Meldung vom Jobcenter eingegangen sei. Das Mädchen sei somit nicht krankenversichert. Auf meine Nachfrage beim Jobcenter erhielt ich die Information, der Antrag sei doch noch nicht bewilligt. 

Also habe ich auf der zuständigen Gemeinde angerufen und um Hilfe gebeten. Diese konnte jedoch aus formalen Gründen ebenfalls keinen Krankenschein ausstellen. Die Verbandsgemeinde sei nicht zuständig; ich solle mich an die Kreisverwaltung wenden. Nach langem hin und her wurde hier ein Abrechnungsschein erstellt, mit dem das Mädchen in der Folgewoche endlich zum Arzt gehen konnte. Der Antrag auf Sozialhilfeleistungen ist bis heute nicht genehmigt.“

Eine Familie kann keine Miete zahlen

„Bei einer Familie, die wir begleiten, war Ende August die Fiktionsbescheinigung abgelaufen. Diese wurde pünktlich verlängert und in Kopie zum Jobcenter geschickt. Anfang September wurde mir mitgeteilt, dass bei den Vermietern keine Miete eingegangen sei. Die Hotline des Jobcenters teilte uns mit, die Familie sei selbst schuld; sie hätte die Verlängerung der Fiktionsbescheinigung viel früher schicken müssen. Das Problem dabei: Wenn die Bescheinigung erst Ende August ausläuft, erhält man auch erst dann eine Verlängerung. Heute ist der 13. September. Die Familie hat immer noch kein Geld erhalten und der Vermieter wartet auf seine Miete.“

Zu viele Hürden

„Aus unserer Sicht“ berichtet Pfarrer Leinhäuser „gibt es mehrere Probleme und Hürden, die sich gegenseitig verstärken.“ Zum einen sei da die Sprachbarriere. Die Geflüchteten seien schlichtweg nicht in der Lage, die komplizierten Antragswege zum Erhalt von Sozialleistungen zu verstehen. Aufgrund dieser Barriere sei es ihnen auch nicht möglich, beim Amt anzurufen, um Fragen zu klären und Vorgänge zu beschleunigen. Wer Glück habe, kenne Orte wie das Café Helfende Hände, um Unterstützung zu bekommen. Doch auch hier kommen die ehrenamtlichen Helfer*innen an ihre Grenzen: Freitag für Freitag stehen im Schnitt 20 Menschen im Café, berichten von ihren Sorgen und bitten um Hilfe. Oftmals unter Tränen und der Verzweiflung nahe.

Zum anderen, so Leinhäuser, seien die Ämter heillos überfordert und unterbesetzt. Da er selbst im Kontakt mit Mitarbeitenden verschiedener Ämter steht, ist es dem Pfarrer wichtig, kein falsches Signal zu senden: Die Mitarbeitenden in den Sozialämtern und Jobcentern seien zum größten Teil hoch motiviert, äußerst bemüht und freundlich. Ihnen sei kein Vorwurf zu machen. Aufgrund der personellen Situation sei es ihnen schlichtweg nicht möglich, die große Masse von Anträgen zu bearbeiten. Jedoch – und das sei offensichtlich nicht im Blick der politischen Verantwortungsträger – verschärfe das die ohnehin schon angespannte Situation: Wenn Anträge korrekt und pünktlich gestellt wurden, ist es für Betroffene und Helfer*innen nicht verständlich, dass diese teilweise über Wochen und Monaten unbearbeitet liegenbleiben.

Schließlich seien da die bürokratischen Hürden, welche die Lösungsfindung zusätzlich erschweren: Selbst die mittlerweile bestens informierten ehrenamtlichen Helfer*innen haben es schwer, den Überblick über bürokratische Feinheiten und Vorgaben zu behalten. 

Die Lage wird sich verschärfen – nicht nur für Geflüchtete

In den nächsten Monaten sei zudem eine Verschärfung der Lage zu erwarten: Zum einen für die Kriegsgeflüchteten, die jedes halbe Jahr einen neuen Antrag auf einen Weiterbewilligungsbescheid stellen müssen. Da die aktuell gestellten Anträge noch lange nicht fertig bearbeitet sind, befürchtet Leinhäuser, dass ab November weitaus mehr Familien und Einzelpersonen ohne Geld und Amtshilfe dastehen.

„Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, den wir in den Blick nehmen müssen“, sagt Leinhäuser. „In den kommenden Monaten werden wohl viele weitere Familien und Einzelpersonen in unserer Region und im ganzen Land an ihre finanziellen Grenzen kommen. Für viele ist absehbar, dass sie die hohen Energiekosten für ihre Wohnungen kaum stemmen können“. Dies führe zu einem noch größeren Andrang auf die Ämter, die schon jetzt am absoluten Limit sind – und verschärfe die emotional ohnehin schon angespannte Lage in der Gesellschaft.

„Die politischen Verantwortungsträger müssen endlich aktiv werden.“ fordert Pfarrer Leinhäuser „Indem sie bürokratische Hürden verringern, einfache und schnelle Lösungswege für Notfälle bereitstellen und das Personal in den Ämtern angemessen aufstocken. Nicht nur für Kriegsgeflüchtete, sondern für alle Menschen, die in Not geraten sind.“

Die Engagierten der Pfarrei Heilig Kreuz Winnweiler haben bereits das nächste Projekt auf die Beine gestellt, um ihren Beitrag in der Krisenzeit zu leisten: Seit dieser Woche betreibt der Caritasausschuss die „Kleiderstube Helfende Hände“ in einem Ladengeschäft in der Schlossstraße. Hier wird dienstags von 17 bis 19 Uhr gut erhaltene Second-Hand-Kleidung angeboten. Für alle (!) Bedürftigen und Interessierten. Finanziert wird das Projekt durch eine Förderung der Verbandsgemeinde Winnweiler sowie durch Spendeneinnahmen.